SPRACHLOS IM BÄRENTAL

Das Wetter könnte einfach nicht besser sein. Mit dem Minibus fahren wir von der Hochebene Folgaria nach Valle Orsara. Es ist mein erstes Mal im Trentino – mein erstes Mal in den Bergen überhaupt. Ich bin am Meer groß geworden und wohne in einer Stadt am Fluss.

Deswegen ist vieles für mich an diesem sonnigen Wochenende neu. Ich muss mich zunächst an die Aussicht gewöhnen. Einen Horizont, so wie ich ihn kenne, gibt es hier auf den engen Serpentinen nicht. Stattdessen ragen links und rechts entlang der Fahrbahn hohe Felsformationen in den Himmel.

Trentino im Herbst Wandern im Bärental Valle Orsara Alm

Auch die Luft riecht anders – nach Kräutern, Kaminfeuer und Herbstlaub. Der Herbst ist hier mild. Temperaturen von 15 oder sogar 18 Grad sind tagsüber nicht selten. Und wenn die Sonne den dichten Morgennebel vertrieben hat, bleibt sie meist noch lange am wolkenlosen Himmel stehen. Im Sommer und im Winter ist es hier oft voll. Schließlich gibt es in der autonomen Provinz im Norden Italiens insgesamt mehrere Hundert Kilometer Skipisten, Loipen und Wanderwege.

Den goldenen Herbst kann man in diesem Teil von Trentino, dem Alpe Cimbra, aber ziemlich ungestört genießen. In den Monaten vor dem ersten Schnee bleibt die Region noch weitgehend vom Tourismus verschont.

Aber zurück zum Valle Orsara, dem Bärental. Es ist fast vier Uhr nachmittags und wir sind an unserem Startpunkt angekommen – Ortesino. Von hier führen gleich mehrere Wanderstrecken in den Wald hinein. Ob es hier auch Bären gibt – wie Bruno, den Problembären, der sich einst vom Trentino aus auf den Weg nach Bayern machte? Zumindest werden wir auf unserer Tour keine treffen, versichert Bergführer Marco Bertoldi. Zum Glück.

Trentino im Herbst Wandern im Bärental Valle Orsara Blick ins Tal

Trentino im Herbst Wandern im Bärental Valle Orsara Sonnenuntergangsstimmung
Wir beginnen auf ungefähr 1300 Metern Höhe mit der etwa zweistündigen abendlichen Wanderung, die uns zum Pioverna-Gipfel führen soll. Schon auf den ersten Metern entlang des breiten Wanderweges bemerke ich noch einen Unterschied zum Leben am Meer: Mein Atem stockt, ich kann nicht gleichzeitig sprechen und laufen, dafür reicht mir die Luft nicht.

Das macht aber nichts, weil ich bald so überwältigt von der Schönheit der Natur bin, dass ich nicht mehr reden möchte. Den anderen geht es auch so. Die Ruhe wird nur ab und zu von den Rufen eines Greifvogels unterbrochen.

Je höher wir steigen, desto steiler werden die Wege. Aber dafür werden auch die Aussichten schöner. Die breiten grünen Wiesen erinnern mich an die Illustrationen in meinem alten Heidi-Buch.


An einer Kreuzung nehmen wir eine Abkürzung zum Gipfel – ein schmaler, steiniger Pfad, der so steil ist, dass meine Beine schon nach wenigen Minuten zu zittern beginnen. Mein Herzschlag pocht in meinen Ohren, schwere Schweißtropfen rollen den Rücken herunter, mein Gesicht ist knallrot. „Nur noch wenige Meter und wir sind da”, ruft Marco von irgendwo oben. Für ihn, den geübten Bergsteiger, ist die Steigung eine leichte Aufwärmübung. Ich hingegen weiß noch nicht, ob ich es überhaupt bis nach oben schaffe.

Die letzten Minuten erscheinen mir ewig. Und dann sehe ich das Ende. Nur noch ein, zwei große Schritte und ich bin da, auf dem Gipfel, 1780 Meter über dem Meeresspiegel. Als sich mein Atem wieder beruhigt hat, schaue ich mich um und das, was ich sehe haut mich fast um. Die Dolomiten, ein blaues Meer aus Bergen so weit der Blick reicht. Dazwischen die von Nebel umhüllten Täler und im Westen die rote Abendsonne, die langsam hinter einem Gipfel untergeht. Ich bin sprachlos. Und bin mir sofort sicher: Das Leben in den Bergen hat auch seine Vorteile.
 
 
 
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