Kunst an der Mauer, Raketen auf dem Berg

VON GEORG WEINDL (Die Presse)

Trentino. Es gibt wenige Gegenden in den Alpen mit einer derart ungewöhnlichen und wechselhaften Geschichte wie die Hochebene der Alpe Cimbra. Von Sprachinseln, Idyllen und kalten Kriegsrelikten.
 
Motorradfahrer lieben sie, die wenigen mutigen Rennradler offensichtlich auch, die Einheimischen angesichts ihres dynamischen Fahrstils sowieso. Die engen Kurven rund ums mächtige Castel Beseno, eine mittelalterliche Ritterburg, groß wie ein kleines Bergdorf, sind ein Erlebnis für sich. Auf einem Dutzend Kilometern schlängelt sich die Straße am steilen Südhang entlang vorbei an Siedlungen, in denen sich die Häuser wie ängstliche Kinder aneinanderschmiegen, und durch schattige Waldpassagen mit gelegentlichen Ausblicken auf die Trentiner Bergwelt.

Es ist schon ein kleines Wunder, dass diese Bergstraße vom Etschtal hinauf nach Folgaria keine Berühmtheit geworden ist. Aber dort oben ist sowieso einiges anders. Folgaria liegt auf 1200 Metern Höhe und 1000 Meter über dem Talboden. Der Hauptort der unregelmäßig zerklüfteten Hochebene liegt postkartengerecht an einem Südhang. Ein Grund sicherlich, warum hier der Tourismus recht floriert, gerade in Coronazeiten. Ruhe und Natur findet man hier in Hülle und Fülle, weil die Hochebene dünn besiedelt ist und die weitläufigen Bergwälder viel Platz für einsame Naturerlebnisse lassen.

Man kennt diese Hochebene traditionell als Altopiano von Asiago. Aber Asiago liegt bei den Nachbarn, im Veneto, und so hat man den Teil im Trentino Alpe Cimbra getauft. Aus gutem Grund, denn die Cimbri, die Zimbern, haben viel dafür getan, dass hier einige Dinge nicht ganz normal sind.
 
Italienisch-bayerische Insel

Zimbern nannte man die Bayern, die im 13. Jahrhundert in die Gegend übersiedelt sind, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. So entstand die Lingua di Cimbri, eine Mischung aus Bayerischem mit Italienischem, die man heute noch antrifft, weil sich hier oben Traditionen über viele Generationen gut gehalten haben. Die Coolgruba ist eine Kohlengrube, ein Kaltaprunne ein kalter Brunnen. Steht auf einem Haus das Wort Kamou, weiß man, dass dort die Gemeinde ist. Dass sich diese Sprachinsel gut gehalten hat, liegt daran, dass hier jahrhundertelang nicht viel los war, man recht abgeschnitten vom Rest der Welt lebte.

Unruhig, und zwar sehr unruhig, wurde es erst mit dem Ersten Weltkrieg, als hier die Frontlinie verlief und die österreichisch-ungarischen Truppen auf Bergen mächtige Festungen pflanzten, die heute noch existieren, so dass die Konfrontation mit der Geschichte eine nicht ganz unwichtige Rolle im aktuellen Tourismus spiel. Noch vor dem Krieg entwickelte sich rund um den See von Lavarone eine Art Kur- und Naturtourismus, dessen bekanntester Protagonist Sigmund Freud war, der gern in den Bergen wanderte und gleich dreimal im Hotel du Lac urlaubte. Aufzeichnungen zufolge war er ein leidenschaftlicher Schwimmer, der den Bruststil bevorzugte, um so den Bart trocken zu halten.
 
Kriegsgeschichten

Lavarone ist neben Folgaria die bekannteste Gemeinde auf del Alpe di Cimbra. Der Name steht aber für ein Netzwerk aus 19 Fraktionen, die sich auf hügeligem und waldreichem Terrain verteilen. Einen Ort namens Lavarone gibt es nicht, dafür aber eine wohlklingende offizielle Bezeichnung Magnifica Comunità degli Altipiani Cimbri, die großartige Gemeinschaft der Cimbrischen Hochebenen. Rund um Lavarone kann man mit bloßem Auge teilweise die Reste der Festungen aus dem Ersten Weltkrieg erkennen.

Die bekannteste ist Belvedere, die man auf einer kurvigen Straße erreicht. Belvedere nannten sie die Italiener recht beschönigend. Offiziell hieß es Werk Gschwent und diente als Bollwerk gegen italienische Attacken mit seinen dicken Mauern und schweren Artilleriestellungen. In Italien ist man im Umgang mit der Weltkriegsgeschichte entspannter als bei den nördlichen Nachbarn, weshalb die Festung eine touristische Attraktion ist, in der es neben Führungen auch nächtliche Exkursionen mit Picknick samt regionalen Spezialitäten gibt. In der Nachbarschaft stehen noch die Werke Cherle, San Sebastiano und Lusern, die aber weniger frequentiert werden, da sie teils nur noch Ruinen sind. Der Krieg ist hier sehr präsent, wird auch in kleinen Museen wie etwa in Luserna sorgfältig dokumentiert.
 
Abgeschottet und eingebettet

Luserna ist überhaupt ein Kuriosum. Das abgelegene Dorf hat sich die cimbrische Kultur so gut wie kein anderes erhalten, dort wird die Sprache im Unterschied zu den anderen Dörfern von den Einheimischen im Alltag gebraucht, finden sich viele alte Begriffe und wirkt der Ort wie ein lebendiger Anachronismus. Das hat auch den Vorteil, dass es hier sehr entspannt zugeht. Es gibt keine großen Hotels, nur zwei Gasthäuser, einige Ferienwohnungen und rundherum Wald und Wiesen. Die Hanglage verschafft einen guten Ausblick auf die Umgebung und eine “luftige” Wahrnehmung. Man ist in den Bergen, fühlt sich aber nicht beengt. Es ist wegen seiner ungewöhnlichen Historie und Abgeschiedenheit offensichtlich gefragt.
 
Ein anderes, fast verborgenes Schmuckstück ist das Bergdorf Guardia, wo der Bildhauer Cirillo Grott lebte, der Künstler einlud, im Ort die Hausmauern zu gestalten. Grott ist vor zwei Jahrzehnten verstorben, sein Atelier ein Museum. Nebenan arbeitet sein Sohn Florian als Maler und Bildhauer. Das ganze Dorf ist dank seiner Wandmalereien und Skulpturen eine echte Sehenswürdigkeit.
 
Es ist eine friedliche Gegend, diese Hochebene. Vielleicht gelingt deshalb auch der Umgang mit der grausamen Geschichte leichter. Mutig erscheint jedenfalls ein anderes Projekt. Nur wenige Kilometer weiter südwestlich am Passo Coe und mitten im Skigebiet ragt Ungewöhnliches direkt neben dem Speichersee in den Himmel. Base Tuono ist eine Reminiszenz an die Zeit des Kalten Krieges, der hier auch präsent war. 1962 begann man mit dem Aufbau einer Raketenstation, die defensiv gegen angreifende Flugzeuge eingesetzt werden sollte und vor allem der Abschreckung diente. 1977 wurde die Station geschlossen und 2009 als Open-Air-Museum wieder originalgetreu aufgebaut.

Nun ragen die zwölf Meter hohen Nike-Hercules-Raketen in den Himmel, umgeben von Kommandowagen und Bunkern, in denen man die für heutige Verhältnisse höchst antiquierte Computertechnik besichtigen kann. “Fünf Spezialisten saßen Tag und Nacht an den Kommandoständen, insgesamt waren mit den umliegenden Radaranlagen 120 Soldaten stationiert”, erzählt Maurizio Truffi, einer der Initiatoren des Museums, das pro Jahr von rund 20.000 Leuten besucht wurde, wobei das Jahr nur von April bis Oktober reicht, denn es liegt hier einfach zu viel Schnee auf 1600 Metern. Neben den Raketen flattern die Flaggen Italiens, der Provinz Trento und die Friedensflagge, die dokumentieren sollen, dass es hier nicht um Kriegskult geht.
 
Feine Käsetradition

Offensichtlich ist das Bestreben, sich Alpe Cimbra stärker als zeitgemäße Naturregion zu vermarkten. Die Kühe, die hier auf Almwiesen grasen, liefern den Rohstoff des für die Gegend bekannten Vezzena-Käses. “Ein halbfetter Käse mit dezent bitterem Geschmack in drei Altersstufen – Fresco, Mezzano und Vecchio”, sagt Armando Schir, der in seiner Käserei am Rand von Folgaria vor allem Vezzena herstellt. Käse und Speck sind hier traditionsreiche Grundnahrungsmittel. Den Speck produziert der Familienbetrieb von Nicola Cappelletti mit unverändertem Rezept seit 1898 und füllt die Vitrinen in der Metzgerei in Folgaria. Es scheint gut zu laufen. Der Laden ist gut besucht. “Regionale Produkte mit Qualität sind immer mehr gefragt”, ergänzt Nicola, “und die Kunden kennen sich heute viel besser aus als früher”. Das scheint ihn nicht zu stören. Sein zufriedenes Lächeln verkündet da eher das Gegenteil.

Hinweis: Die Reise erfolgte auf Einladung von Visit Trentino

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